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Die Macht des Materiellen

„In our times people are often willing to make drastic changes in the way they live to accord with technological innovation at the same time they would be resist similar kinds of changes justified on political grounds.“ (Langdon Winner 1980: 135).

Ich konnte es kaum fassen, als der Logos-Verlag mir den ersten Probedruck meiner Doktorarbeit zuschickte: Nein! Es ist ein Buch! Ich habe also tatsächlich ein Buch geschrieben…Es besitzt eine ISBN-Nummer und ist nun offiziell über den Verlag oder die gängigen Versandportale zu haben. Bis hierhin also Werbung in eigener Sache.

Nun zum Empirischen: Es ist fast ähnlich einer Geburt: Hält man das Resultat mehrstündiger, in vorliegendem Fall mehrjähriger Anstrengungen in den Händen, sind alle Mühen vergessen. Es riss mich tatsächlich zu einer nie für möglich gehaltenen Aussage hin: Es hat sich gelohnt! Dass das Buch nun auch noch das Cover trägt, das ich mir so sehr gewünscht hatte und vom Verlagsleiter ohne Wenn und Aber akzeptiert und durchgewunken wurde, verdeutlichte mir, dass der Inhalt in direkter und übertragender Hinsicht verstanden wurde. Dabei hatte ich mir schon vorsorglich eine Liste an Argumenten notiert, um die Alternativlosigkeit dieses Motivs begründen zu können.

Die pinke Kalaschnikow besitzt in mehrfacher Hinsicht Symbolwert. Die feministische Wissenschafts- und Technikkritik, auf die ich mich im Buch beziehe, richtete sich von Beginn an gegen eine Wissenschafts- und Technologieentwicklung, die – von einem objektivistischen und damit distanzierten Welt- und Naturverhältnis ausgehend – Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung von Mensch, Natur und Umwelt nach sich zieht. Militärtechnologie steht dabei an erster Stelle. Gleichzeitig kann die Kalaschnikow als Best-Practice-Beispiel militärtechnologischen Designs verstanden werden: Anders als beispielsweise das Sturmgewehr G 36 der deutschen Bundeswehr schießt sie immer – unabhängig von klimatischen Bedingungen. Die gewählte Farbgebung illustriert eine gängige Gestaltungsstrategie für Produkte und Konsumartikel, die sich an explizit weibliche Ziel- und Kundengruppen richten. Sie lässt sich auf die Formel „Pink it and shrink it!“ bringen. Entsprechend der hierarchische Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit – so zeigen vielfältige Untersuchungen aus den Sozial-, Kulturwissenschaften und der Designforschung –  sind Produkte, Geräte oder Werkzeuge für Frauen häufig kleiner, von minderer Materialqualität und in pastellenen Farben gehalten. Damit stellt sich die allgemeine Frage der Verantwortung von Gestalter*innen und Technikentwickler*innen im Herzen von Konsumkultur und digitaler Gesellschaft. Die Akteur-Netzwerk-Theorie versteht Artefakte als soziale Akteure und damit handelnden Menschen ebenbürtig, was in Anbetracht von Entwicklungen im Bereich von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen zunehmend plausibel erscheint. Aus dieser Perspektive stellen sich Fragen der Verantwortung noch einmal neu oder anders: Inwieweit lassen sich gute oder böse Absichten in Artefakte einschreiben? Wer ist Tat, wer ist Täter? Wer handelt und verantwortet? Der Mensch? Die Maschine? Oder gar ein Hybridakteur – also ein Mensch-Maschinen-Konglomerat?

All das sind Fragestellungen, die im Buch, wenn auch nicht beantwortet, so doch überlegt und unter der Perspektive älterer und neuerer Ansätze der Science & Technology Studies (STS) und feministischer Wissenschafts- und Techniktheorien verhandelt werden.

Darüber hinaus steht der Feminismus und die Gender Studies zunehmend unter Beschuss. Von rechtskonservativen Stimmen unter Ideologieverdacht gestellt, wird feministischer Politik und Wissenschaft vorgeworfen, traditionelle Familienstrukturen zu zerstören, pervers-pathologische Identitäts- und Lebensentwürfe zu befördern oder die Selbstbestimmung der Frauen über das Recht ungeborenen Lebens zu stellen. Für unwissenschaftliche Erkenntnisproduktionen und unsinnige, in unserer Gesellschaft nicht mehr notwendige Frauenförderungs- und Gleichstellungsprogramme werden auch noch Unsummen von Steuergeldern investiert. Derartige Äußerungen tragen dazu bei, von der zerstörerischen Macht neoliberaler Welt- und Wirtschaftspolitik abzulenken, die für zunehmend prekärer werdenden Lebens-, Arbeits- und Umweltverhältnisse verantwortlich zu machen sind. Ich begreife sie als Bestandteile einer alarmierenden Gesellschaftsentwicklung, deren Richtung andere Staaten aktuell vorwegnehmen. Forscher*innen aus osteuropäischen Ländern zeichneten auf der 10ten European Feminist Research Conference, die dieses Jahr in Göttingen stattfand, ein beklemmendes Bild ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. Man kann nur hoffen, dass das Verbot der Gender Studies in Ungarn keine weiteren Nachahmungen findet.

Die pinke Kalaschnikow ist somit Kritik und Aufruf zugleich. Sie richtet sich an Designer*innen und Technikentwickler*innen, ihre Handlungsmacht für die Verteidigung und (Wieder-)Herstellung eines offenen, demokratischen und zukunftsfähigen Pluriversums, wie Arturo Escobar es bezeichnen würde, also einer Welt, in der viele verschiedene Daseinsformen und Welten existieren können, einzusetzen.

Infos zum Buch:

GESCHLECHT MACHT GESTALTUNG – GESTALTUNG MACHT GESCHLECHT.
Der Entwurf einer machtkritischen und geschlechterinformierten Designmethodologie

ISBN 978-3-8325-4753-0
339 Seiten
Erscheinungsjahr: 2018
Preis: 48,00 €

https://www.logos-verlag.de/cgi-bin/engbuchmid?isbn=4753&lng=&id=

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