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Gender und Design in Aktion: Rückblick zur Jahrestagung iGDN 2016

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Vom 30.11.2016 bis 1. 12.2016 fand die iGDN-Jahrestagung an der TU Chemnitz statt. Gastgeber war dieses Mal die dort ansässige und vom BMBF geförderte Nachwuchsforschungsgruppe Miteinander, dessen Ziel und Aufgabe es ist, gemeinsam mit Nutzer_innen bedarfs- und alltagsgerechte Anwendungen für das »Internet of Things« (IoT) zu entwickeln. In Kooperation mit dem iGDN haben sich gut 60 Teilnehmer_innen in vier Workshops dem Geschlechteraspekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln – aus der Perspektive der Designforschung, der User Experience, des demografischen Wandels oder der Demokratisierung von Technologie – genähert. Die Diskussionen gingen jedoch weit über diese Themen hinaus. Gemeinsame Überlegungen, wie man in der Technologieentwicklung Geschlechterklischees vermeiden kann, wie die bestehende Geschlechterbinarität überwunden werden kann sowie über die Möglichkeiten, der Ungleichverteilung geschlechterbezogener Definitions- und Handlungsmacht in der Forschung und  Nutzung entgegenzuwirken, führten zu grundlegenden Fragestellungen im Umgang mit Vielfalt – nicht nur im Hinblick auf weitere soziale Kategorien, sondern auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen. Das zeigten die Ergebnisse aus den einzelnen Workshops, die am zweiten Tag vor allen Teilnehmenden präsentiert und anschließend gemeinsam diskutiert wurden.

Im Workshop „Gender und Interaction Design Research“ wurde ein Modell zum Umgang mit disziplinärer Vielfalt in Forschungsprojekten entwickelt und vorgestellt. Daran schloss sich eine Diskussion an, in der auf den Widerspruch zwischen der Forderung nach Interdisziplinarität auf der einen und stringenter wissenschaftlicher Argumentation auf der anderen Seite hingewiesen wurde, wie sie in Forschungsanträgen gefordert wird. Vielfalt bedarf mehr Zeit, um ein gemeinsames Verständnis von den jeweiligen Problemlagen und Phänomenen zu entwickeln und verschiedene Herangehensweisen auszuhandeln. Dieses sollte sowohl in der Arbeitsplanung berücksichtigt sowie auch in Forschungsanträgen sichtbar gemacht werden, so die Empfehlung eines Konferenzteilnehmers. Die zweite Gruppe aus diesem Workshop stellte Überlegungen zum Umgang mit Geschlechterdifferenzen in der Bildung an und warf folgende Frage auf: Wann ist Ko-Edukation , wann Mono-Edukation sinnvoll? Wann bedarf es beispielsweise geschützter Räume in technisch-naturwissenschaftlichen Bildungskontexten für Mädchen oder Frauen, um – wie es die Keynote-Speakerin Jennifer Rode wahrscheinlich ausgedrückt hätte – technische Identitäten zu entwickeln, die sich ihrer technischen Kompetenzen und Selbstwirksamkeit bewusst sind und diese auch nach außen zeigen mögen, ohne ein Verlust an Weiblichkeit fürchten zu müssen. Eine weiteren Gruppe fragte nach dem Entstehungszeitpunkt von Geschlechtsidentität: In der Kindheit, der Pubertät oder bereits in der Schwangerschaft? Sie entwickelte die Idee zu einem Service, der auf der Grundlage von Kinderzeichnungen, die häufig Wesen unbestimmten Geschlechts zeigen, Stofftiere herstellt – eine Idee, die auch andere gehabt und bereits realisiert haben: www.ellapaul.de. Um Eltern für die Absurdität geschlechterstereotyper Erziehung und Sozialisation zu sensibilisieren, entwickelten sie darüber hinaus eine Kampagnenidee, die Eltern in übergroßer Kinderkleidung zeigt. In der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass kindliche Aspekte vor allem bei weiblicher Kleidung in Form von Aufnähern oder Glitzertieren bereits integriert werden.

Im Workshop „User Experience als Gender Experience“ ging es um die Analyse bereits existierender IoT (Internet of Things) Produkte, deren eingeschriebene Vorstellungen von Nutzenden und Nutzungen aus einer gender-kritischen Perspektive im Hinblick auf Produktkonzept und Produktsprache beleuchtet wurden. Untersucht wurden eine smarte Gabel, die die Nutzenden durch Vibrieren auf ihr zu schnelles Essverhalten aufmerksam macht und auf diese Weise zum langsamen Verzehr anhalten möchte, ein Armband mit UV-Sensor, das vor Sonnenbrand warnt und auf die Notwendigkeit zum Eincremen hinweist, ein als Armband realisiertes Metronom, das den gewünschten Rhythmus über manuelles Klopfen aufnimmt und fortsetzt sowie an andere Armbänder weiterer Musizierender überträgt, Schritt- und Bewegungsmesser, die den Kalorienverbrauch messen und eine intelligente Waage, die neben dem Gewicht das Körperfett und den Wassergehalt des Körpers zu ermitteln im Stande ist.
Bei der Analyse der Produkte und der ergänzenden Apps wurde das Toolkit „Mapping the IoT“ verwendet, welches aktuell an der Politechnico di Milano für die Erarbeitung von IoT Produkten entwickelt wird. Ziel war die Verknüpfung dieser Methode mit Genderaspekten, was aufgrund der zeitlichen Begrenzung des Workshops jedoch nicht schlüssig möglich war.
Allen Geräten gemeinsam ist, so das zentrale Ergebnis der Analyse­, dass sie das Körperempfinden der Nutzenden außer Kraft setzen und durch Messwerte, Warnhinweise und Handlungsempfehlungen ersetzen. Durch dieses Auslagern oder auch Ersetzen der Sinne durch Sensoren wird die Selbstverantwortlichkeit der Nutzenden an Geräte abgegeben. Viele der Self-Tracking Produkte sind an Frauen adressiert, so dass das Konzept der Körperoptimierung und die Produktsprache als gegendert betrachtet werden können. Im Workshop und den Diskussionen wurde danach gefragt, was die zunehmende Nutzung derartiger Geräte über den Zustand und die perspektivische Entwicklung von Gesellschaft aussagt. Kritisch betrachtet, zeigt sich an der Mensch-Technik-Verflechtung eine Entwicklung von der Sinnerweiterung mit dem Ziel der Selbsterkenntnis zur Sinnersetzung durch Sensoren. Welche Daten man dabei über sich und sein Verhalten preisgibt, wie diese miteinander in Beziehung gesetzt und verwendet werden, bleibt den Nutzenden meist verborgen. Das Abgeben von Verantwortung an Technik, welche dadurch kompetenter erscheint als der Mensch und zum selbstverständlichen Bestandteil des menschlichen Körpers wird, mündete in das Konzept des Transhumanismus, welches das Menschenmögliche durch Technologieeinsatz zu erweitern sucht. Weiter gedacht ist beispielsweise den Paralympics in Zukunft die Vorrangstellung vor den Olympischen Spiele einzuräumen, da die als fortschrittlich bewertete technische Erweiterung des Menschen zur geltenden Praxis und damit verpflichtend wird. Weiterführend wurden neben dieser Sicht eines autoritären, durch Artefakte determinierten Gesellschaftsmodells, das das umfangreiche Sammeln persönlicher Daten mit einschließt, auch sinnvolle, z.B. medizinische oder dem Gemeinwohl dienliche Anwendungen von IoT Produkten diskutiert.

Im Fokus des dritten Workshops stand neben Gender auch das Alter als zentraler Aspekt des demographischen Wandels. Interessanterweise fanden sich dort die älteren Tagungsteilnehmenden zusammen. Die Diskussionen waren teilweise von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Umgang mit Altern und Geschlecht geprägt. Nach einer ernüchternden Sammlung aktueller technischer und sozialer Entwicklungen, die in der Wahrnehmung der Teilnehmenden in Richtung einer technisch überwachten und manipulierten sowie rechtspopulistischen und autoritätsorientierten Gesellschaft weisen, führte der Kurzfilm „Uninvited Guests“ (https://vimeo.com/128873380) zu einem Perspektiv- und Stimmungswechsel. Er handelt von einem Rentner, der von seinen erwachsenen, aber nicht vor Ort lebenden Kindern mit intelligenten Objekten versorgt wird, die ihm einen gesunden Lebensstil aufzunötigen versuchen: Die Gabel im Film misst den Kaloriengehalt des Essens und kommentiert entsprechend, ein intelligenter Krückstock fordert zur täglichen Bewegung auf und ein weiteres am Bett befestigtes Element mahnt den Senioren zur frühen Nachtruhe. Sukzessive unterläuft der männliche Protagonist jedoch die Anweisungen der Geräte und hebelt sie vollständig aus. Der Film demonstriert auf amüsante Weise die Macht des Nutzenden – eine Perspektive, die nach der vorangegangenen Erörterung eines dystopischen Gesellschaftsszenarios die Teilnehmenden wieder optimistisch stimmte. Die Erörterung der Frage, ob die gleiche Geschichte auch mit einer weiblichen älteren Person funktioniert hätte, kam zu folgendem Ergebnis: Von Frauen wird im Allgemeinen erwartet, dass sie sich selbst und anderen gegenüber verantwortlich handeln und generell normkonform verhalten. Die im Film eingesetzten Geräte hätten demnach bei einer Frau nicht den gleichen amüsanten Effekt, da die Geräte Tätigkeiten unterstützen, deren Einhaltung von Frauen ohnehin erwartet wird. Inspiriert von der Sichtweise, Technologien und Nutzende als aktive und wirkmächtige Akteure zu begreifen, skizzierten die Teilnehmenden nun Szenarien und Artefakte, die ältere Damen darin bestärken, gesellschaftliche Erwartungen, die an sie herangetragen werden, zu unterlaufen sowie ihre Genussfähigkeit zu steigern. Daraus ging beispielsweise die smarte Pinzette hervor, die Frauen davon abhält, sich die Gesichtshaare zu entfernen – ein durchaus häufiges Phänomen weiblichen Alterns – und stattdessen ein leckeres Brathähnchen zu rupfen. Die Anzeige des Gewichts auf der Waage wird nach unten manipuliert, in dem die Nutzerin lediglich ein Bein aufstellt und der Inkontinenztrainer wird um eine Funktion zur Steigerung der sexuellen Lust erweitert.

Die zentrale Fragestellung des vierten Workshops war, ob die Demokratisierung von Technologie, wie sie vermeintlich durch Bewegungen wie Open Source, Open Labs, Maker Communities vorangetrieben wird, auch zu einer Demokratisierung der Geschlechter führen könnte. Schaut man genauer hin, ist zu beobachten, dass in den genannten Communities die offenen Entwicklungs- und Gestaltungsräume vornehmlich von einem kleinen privilegierten Teil der Bevölkerung und sehr oft geschlechterreproduktiv besetzt sind. Inwieweit wird nun die zunehmend vernetzte Welt gesellschaftlich um/geordnet hinsichtlich vergeschlechtlichter Macht und Ohnmacht – was und wer wird reproduziert oder verändert? In der ersten Phase wurden persönliche Assoziationen in Bezug zu den Themen Demokratie und Gender sowie die alltäglichen Erfahrungen im Umgang mit Objekten und Verhaltensweisen gesammelt. Es zeigte sich, wie sehr geschlechtsspezifische Dinge und Handlungen – still und lautlos mit unseren Gewohnheiten verwoben – unseren Alltag bestimmen. Aus diesen Reflexionen ergab sich die Diskussion, wie wir durch den Gebrauch und Missbrauch der Dinge die Grenzen dieser „Vergeschlechtlichungen“ austesten und durch kleine Gegenhandlungen verändern, durchbrechen oder erweitern können. Darauffolgend wurde die Aufgabe gestellt, spielerisch mit Messungen umzugehen. Mit einem IoT Element, das Bewegung, Feuchtigkeit, Neigung und Temperatur etc. messen kann, wurde in vier Arbeitsgruppen sowohl am Körper als auch im Raum experimentiert. Basierend auf diesen Experimenten sollten Konzepte für Anwendungsszenarien und kritische Artefakte entwickelt werden, die die eigene Geschlechtlichkeit vergegenwärtigen und die bestehenden gesellschaftlichen Genderkonstruktionen sichtbar machen. Diese spekulativen Artefakte regten wiederum zum Nachdenken über andere Umgangsformen mit den durch IoT-Geräte gesammelten Daten an, mit einem Fokus auf den Umgang mit un/persönlichen, performativen, unruhigen und suggestiven Daten. Sich ständig zwischen Hoffnung und Zweifel bewegend, wurde daran die Frage erörtert, ob durch mehr Einmischung, Mitgestaltung und Umgestaltung die Demokratisierung von Technologie zu einer Demokratisierung von Gender führen könnte. Könnte es eine ‚neue Welle des Feminismus‘ geben oder besteht die Gefahr, dass wir fortan das jetzige reproduzieren – diesmal nicht von Seiten der Industrie, sondern von uns selbst als Gestalter_innen und Nutzer_innen?

Am Abend des ersten Konferenztages wurde das Thema Gender durch die intersektionale Perspektive der Keynote-Speakerin Jennifer A. Rode vom University College London erweitert. Sie verwies besonders auf den Aspekt von „race“ und illustrierte, wie ethnische Minderheiten im Netz diffamiert werden, was sie auch auf die Art und Weise der Beschaffenheit der Software zurückführte. Vor diesem Hintergrund erschien es schlüssig, dass das Thema „race“ auch in der ACM-Library – einer der zentralen internationalen Publikationsplattformen für wissenschaftliche Veröffentlichungen aus dem Bereich Human Computer Interaction – kaum adressiert wird. Anhand von Statistiken über den Anteil an männlichen gegenüber weiblichen Autor_innen in dieser einflussreichen Online-Bibliothek verdeutlichte sie außerdem, dass dieses Entwicklungsfeld nach wie vor von Forschern dominiert wird bzw. Frauen und ethnische Minderheiten unterrepräsentiert sind. Sie zeigte außerdem ein Projekt, wie Kindern Programmieren als grundlegende Fähigkeiten ohne geschlechtlich-technischen Bezugsrahmen vermittelt werden kann. Anknüpfend an ihr eingans vorgestelltes sozio-technisches Gendermodell kann dieses Beispiel als Möglichkeit begriffen werden, wie sowohl Mädchen als auch Jungen eine technische Identität entwickeln können, die auf der Überzeugung in die eigene technische Kompetenz und Selbstwirksamkeit basiert und letztendlich dazu beiträgt, technische Handlungsfähigkeit selbstbewusst nach außen zu zeigen. Auf sich selbst und ihren Krückstock verweisend erwähnte sie außerdem, dass sie durch ihre Behinderung gezwungen war, ihren Körper vollständig neu anzueignen.

Das Heizhaus im Innenhof des Campus der TU Chemnitz diente als zentraler Treff- und Versorgungspunkt und bot in ungezwungener Atmosphäre die Möglichkeit zum Austausch. Die Stehtische in der Mittags- und Kaffeepause sorgten für Beweglichkeit und dafür, dass sich die Teilnehmer_innen immer wieder zu neuen Gesprächsgruppen zusammen fanden. Das sollte man sich unbedingt für die nächsten Tagungen und Netzwerktreffen merken. Die meisten Teilnehmenden äußerten ihre Dankbarkeit darüber, sowohl in den Workshops als auch davor und danach Gelegenheit zur Reflexion und zum intensiven Austausch bekommen zu haben. Trotz der Überzeugung, dass es sich dabei um grundlegende Bestandteile der wissenschaftlichen Praxis handelt, erwähnten viele, dass es im eigenen Berufsalltag daran oft mangelt. In der thematischen Auseinandersetzung um Geschlecht und Vielfalt machte die Tagung damit auch auf die strukturellen Zwängen des Forschungs- und Gestaltungsalltags aufmerksam und unterstrich damit die Dringlichkeit solcher Veranstaltungen.