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Von Technikmuseen, selbststeuernden Autos, Rollatoren, Prothesen, Wollmäusen und Pflegerobotern

Bericht zur 6. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien zum Thema: „Materialität/en und Geschlecht“ am 12. und 13. Februar 2016 in Berlin

Die 6. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien (FG), die vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet wurde, versammelte unter dem Titel „Materialität/en und Geschlecht“ Vorträge aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Diese rückten geschlechtlichen Verkörperungen – beispielsweise in der Epigenetik, der Informatik, Robotik, im Maschinenbau, im Museum, in der Literatur und im Alltag – auf unterschiedlichste Art zu Leibe oder stellten die Theoriedebatte der „New Materialism“ ins Zentrum der Auseinandersetzung. Mit mehr als 370 Teilnehmer_innen wurden die Erwartungen der Organisator_innen weit übertroffen sowie auch die räumlichen Gegebenheiten im Hauptgebäude der Humboldt-Universität vor logistische Herausforderungen gestellt: Die Eröffnungsveranstaltung wurde beispielsweise kurzfristig in den großen Hörsaal verlegt.

Der „New Materialism“ kann als neues Paradigma in der feministischen Theorieentwicklung verstanden werden. Aus der Kritik an der diskurstheoretischen Auflösung jedweder Verkörperungen in (Sprach-)Symbolik rückt er die Materialität in den Fokus – nicht nur sozialwissenschaftlicher – Betrachtungen. Aus diesem Grunde ist er auch für Gestaltungsdisziplinen relevant, die zentral an der Materialisierung unserer Um- und Alltagswelt beteiligt sind. Er verspricht also, Brücken zwischen den Sozial-, Geistes-, Natur-, Technik-, Lebenswissenschaften und  – wie ich hinzufügen möchte – Kunst- und Gestaltungsdisziplinen zu schlagen, indem er die materialisierten Gegensätze wie Körper/ Geist, Subjekt/ Objekt, Mensch/ Maschine, Mann/ Frau etc.  und die damit in Zusammenhang stehenden Ungleichheiten – zumindest theoretisch –  zu überwinden in Aussicht stellt.
Das, was in diesem Kontext unter Materialität verstanden wird, bezieht sich jedoch nicht nur auf physische Objekte, sondern auf verfestigte Strukturen jedweder Art – seien es Dinge, Institutionen, Normen, Identitäten sowie auch Gesellschafts- und Geschlechterordnungen. Dabei nimmt der „New Materialism“ sowohl die Widerständigkeit als auch die Ereignishaftigkeit von Materialitäten– also Strukturen in ihrem Werden – in ihrem Einfluss auf Handlungsprozesse in den Blick. Artefakte entfalten ihre materiell diskursive Kraft damit nicht – und das machten einige Vorträge ganz deutlich – aus ihrer physischen Bedingtheit an sich, sondern erst in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber oder innerhalb von Intraaktionen – wie es Karen Barad ausdrückt, einer der Hauptvertreterinnen dieser Denkschule. Ulrike Vedder, Professorin am Institut für deutsche Literatur der HU Berlin, wirft in diesem Zusammenhang die zentrale Frage auf: Was und wie sind die Dinge ohne uns? Sind es asoziale und damit sinnfreie Objekte?

Technikgeschichte als Objekt- oder Kulturgeschichte
Aus dieser Perspektive kritisierten beispielsweise Daniela Döring und Hannah Fitsch, LeiterInnen eines BMBF-geförderten Projekts zur gendersensiblen Sammlungs- und Ausstellungspraxis in Technikmuseen, dass die Technikgeschichte entlang isolierter Maschinen, Apparate und Werkzeuge – meist unter Aussparung von Haushaltsgeräten – erzählt wird. Sie plädierten stattdessen dafür, Technikgeschichte als Kulturgeschichte zu begreifen und über den Bezug zu Alltagspraktiken und -gebrauchsweisen andere Geschichten zu erzählen.

Selbststeuernde Autos – Entmännlichung oder Privileg?
Göde Both, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Maschinenbau der TU Braunschweig, thematisierte die Bedrohung der männlichen Identität durch die Entwicklung von selbststeuernden Autos, das – als männlich konnotiertes Objekt – als Entmündigung oder gar Entmännlichung des Fahrers empfunden wird. Entwickler kompensieren dies – so zeigte Both anhand eines Fotos, auf dem ein Forscher auf dem Dach eines Fahrzeugs saß – dadurch, dass sie sich beispielsweise als High-Tech-Cowboys inszenieren oder das Sich-Fahren-Lassen als Statusprivileg propagieren. Das Publikum hinterfragte zurecht die generelle Bedeutsamkeit des Autos und damit auch seine männliche Signifikationskraft für die sogenannte Generation Y, die – meist in einem grossstädtischem Umfeld lebend – lieber nutzt als besitzt und der Bahncard 100 sicher die größere Sexyness abzugewinnen weiß als einem statusstiftenden PKW.

Gebückte Mobilität und Entsexualisierung im Alter
Ganz anders materialisiert sich Mobilität am und mit dem Rollator: Als Symbol des Alterns und des damit einhergehenden körperlichen Abbaus zwingt er seine vornehmlich weiblichen Nutzenden sinnbildlich in eine gebückte Haltung, wobei er gleichzeitig ihre Mobilität ermöglicht und erhält. Tina Denninger, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München, und Anna Richter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel, beobachten darüber hinaus auch eine Entsexualisierung im höheren Alter durch die Art und Weise, sich zu kleiden: Kürzere Röcke und zu tiefe Ausschnitte werden als nicht mehr altersgemäß empfunden. Ich meine eine weitere Form der Entsexualisierung älterer Menschen zu beobachten, die sich an der Farbpräferenz für „Beige-Töne“ festmachen lässt und meines Erachtens zu einer Uniformierung bzw. Angleichung beider Geschlechter führt.

Genitalprothesen – Brüste sind Hoden überlegen
Die Beziehung zwischen Materialität und Geschlecht wurde anhand der technikhistorischen Annäherung an Genitalprothesen durch Myriam Raboldt, Masterstudentin der Technischen Universität Berlin mit Schwerpunkt Gender & Science, evident. Dienten Prothesen nach dem ersten Weltkrieg vornehmlich dazu, die durch Kriegsverletzungen beeinträchtigte männliche Arbeitskraft wiederherzustellen, machte Raboldt im Hinblick auf Genitalprothesen folgende aktuelle Entdeckung: Die Wiederherstellung der Brust infolge einer krebsbedingten Amputation wird von den Krankenkassen übernommen, nicht aber die Wiederherstellung der Hoden bei Entfernung aus gleichem krankheitsbedingten Anlass. In diesem Zusammenhang tauchte aus dem Publikum die Frage auf, ob es bei derartigen Nachbildungen – gerade auch in Bezug zu Penisprothesen – eher um die Wiederherstellung des Originals oder eine Idealisierung gehe? Eine Frage, die nicht durch die isolierte Betrachtung, sondern erst durch den Einbezug der Träger_innen zu beantworten ist.

Menschliche und technisch vermittelte Pflegearbeit
Käthe von Bose, Postdoc im Graduiertenkolleg „Automatismen“ der Universität Paderborn, und Pat Treusch, Leiterin des „Projektlabors für Gender in den MINT-Fächern“ am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin, näherten sich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven der Sorgearbeit: Einmal aus Sicht des Pflegepersonals eines Krankenhauses, ein anderes Mal aus der Perspektive eines Pflegeroboters im Robotiklabor. Während sich beispielsweise Hygiene- bzw. Unhygienezustände an sichtbaren Wollmäusen, nicht aber an den wesentlich bedrohlicheren unsichtbaren Krankenhauskeimen verhandeln lässt, wird anhand der Erörterung der umfangreichen Vorbereitungen zur Herstellung der Handlungsfähigkeit des Pflegerobers deutlich, dass Handeln immer eine relationale Aktivität ist, die zu bestimmten Mensch-Maschine-Konfigurationen führt und in diesem Falle die Frage aufwirft: Verursacht der Roboter nicht mehr Pflegeaufwand als er an Unterstützungsleistung zu erbringen im Stande ist?

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus nun für die Designforschung und -praxis?

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass das, was als vermeintlich widerständiges Objekt und als handelndes Subjekt, was als aktiv oder passiv, als männlich oder weiblich in Erscheinung tritt, Resultate von Handlungsprozessen und darin eingelassenen Praktiken sind. Folglich verschiebt das hiesige Denkmodell die Aufmerksamkeit auf Prozesse der Materialisierungen und der darin entstehenden, immer als temporär zu begreifenden materiell-diskursiven Hybridgebilde. In der Übertragung auf Gestaltungsdisziplinen bedeutet das, die Aufmerksamkeit ebenfalls auf die materialisierenden Praktiken und die durch Gestalter_innen gefällten Entscheidungen zu lenken, deren Konsequenzen jedoch erst in aktiven Gebrauchsprozessen zu beobachten und zu bewerten sind. Dort entstehen Materialisierungen, die situativ und kontextuell verhandelt und damit durchaus abweichend von der ursprünglichen Gestaltungsintention etabliert werden können – ein Phänomen,  dem Uta Brandes und Michael Erlhoff unter dem Begriff „Non Intentional Design“ (2006) ein ganzes Buch widmeten. Folglich sind während der Gestaltung Nutzungs- und Aneignungsprozesse nicht nur zu antizipieren, sondern aktiv einzubeziehen sowie als „design-after-design@use time“ (Pelle Ehn, 2008), „Design durch Gebrauch“ (Brandes, Stich, 2008) oder „Gebrauch als Design“ (Bredies, 2014) zu begreifen – ein methodisch bis heute ungelöstes Problem trotz der bereits seit den 1990er Jahren existierenden Ansätzen des User-Centred und Partizipativen Designs. Damit wäre eine Konsequenz dieses Ansatzes für die Designforschung und -praxis skizziert. Eine weitere und aus feministischer Sicht viel zentralere, wäre, nach der Verteilung von Handlungsmacht und -verantwortung sowie der Vergeschlechtlichung in den durch Gestaltung begünstigten Handlungskonglomeraten zu fragen und diese in macht- und geschlechtergerechter Weise zu beeinflussen.

2 Kommentare

  1. Claudia Herling sagt

    Danke Sandra, für diese übersichtliche Zusammenfassung!

  2. Uta Brandes sagt

    super, Sandra, für diese gute und spannende Nachbereitung sowie Vor-Reflexion aufs Design!!!

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